Direkt zum Hauptbereich

Gesetzlicher Mindestlohn für Praktikanten?

Feldpost von der Praktikumsfront: Schwere Verluste an Sachverstand.


Hört hört, es bewegt sich was in Deutschland! Ob das jetzt gut ist oder nicht steht allerdings auf einem anderen Blatt, denn die GroKo walzt ungeachtet der Mikro - Opposition so weiter vor sich hin. Platz für sinnvolle Kritik an Gesetzesentwürfen? - Leider nein, leider gar nicht.
Die deutsche Antwort auf Gesangsikone Beyoncé, Frau Nahles, hat sich nun mit ihrem Gesetzesentwurf zum Mindestlohn in bester Geberlaune präsentiert - und sogar die armen Praktikanten sollen was von dem warmen Regen abbekommen. Ich höre schon die Korken knallen!
Leider sieht es nun so aus, als ob mal wieder - von keinerlei Sachkenntnis getrübt - direkt an dem eigentlichen Problem inklusive an der Realität drauf los reguliert wird. Somit kann nun vielleicht sogar erreicht werden, dass sich die Situation nochmal verschlechtert. Korken also zügig wieder reingestopft!

Manch einer fragt sich vielleicht: "Was will er denn bei Gott nun schon wieder? Erst wird rumgeweint, dass die bitterarmen Studenten keine Kohle für die Früchte ihrer Arbeit im Praktikum bekommen und nun wird gemosert weil ein Mindestlohn für Praktikanten kommen soll! Was ist da los?!"Aber so einfach ist es, wie so oft, leider nicht. Der Kern des Problems liegt genau in diesem Spannungsfeld. Wenn reformieren, dann auch richtig. Also aufgepasst!


Praktikumsvergütung von 1600 Euro? Leider gar nicht so geil.

Andreas Entwurf sieht bisher vor, Praktikanten seien als "Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Sinne des Gesetzes" zu betrachten. Heißt in der Praxis, jeder Praktikant soll für Praktika, die über 6 Wochen dauern auch den gesetzlichen Mindestlohn bekommen. Ausgenommen davon sind Pflichtpraktika innerhalb der Ausbildung. Na, läuten da die ersten Alarmglocken? Ich hoffe doch!

Im Ersten Moment frohlockt man da vielleicht: "Yippppeeee, endlich ein ordentlicher Stundenlohn!" Aber ganz so einfach ist es nicht. Zahlen der Zeit zur folge (Nr. 17, Ausgabe 16.5.2014), würde ein Praktikant in 40 - Stunden - Woche einen Arbeitgeber round about 1600 Euro pro Monat kosten. 1600 Euro also, für eine Arbeitskraft die ja bekennenderweise etwas lernen möchte und somit im Idealfall umfangreich betreut werden sollte. Unabhängig davon, ob bereits ein Bachelor - Abschluss oder ähnliche Qualifikation erworben wurde. Ganz ehrlich, da würde ich mir als Unternehmen (und diese Position ergreife ich wirklich ausgesprochen selten) auch zwei mal überlegen ob ich eine Praktikumsstelle anbiete.

Die Konsequenz wäre absehbar. Zum einen würden wahrscheinlich generell weniger Praktikumsplätze ausgeschrieben werden, was zwar ein klassisches Argument der Mindestlohngegner darstellt (zu denen ich mich nicht zähle), aber besonders für den Bereich Praktikum relevant ist. Der simple Grund dafür ist, dass Praktikanten ja etwas lernen sollen und die Wahrscheinlichkeit somit ziemlich gering ist, dass sie durch ihre Arbeit 1600 Euro erwirtschaften - wobei Ausnahmen natürlich immer die Regel bestätigen.

Zum anderen ist auch klar, dass viele Praktikumsstellen mit einer solchen Regelung dann auf maximal 6 Wochen begrenzt werden würden, womit die ganze Regelung ausgehebelt werden würde und somit nur Verlierer am Ende stehen, da man sich in einer so kurzen Zeit nur selten gut in ein Thema einarbeiten und somit konstruktiv mitarbeiten kann. Oder man wird dann direkt gefragt, ob man denn nicht gleich zwei Praktika á 6 Wochen absolvieren möchte...


Unterschätzte Binsenweisheit: Erst denken, dann handeln!

Also wieder alles Käse für die Praktikanten? Bei weitem nicht! Man muss lediglich mal rational über Lösungen nachdenken. Muss für den speziellen Fall Praktikum denn zwangsläufig ein Mindest(Stunden)lohn sein?

Aus den oben genannten Gründen geht ein solcher schlicht an den Problemen der Realität vorbei. Es gibt jedoch einige Beispiele von Unternehmen, die es ganz freiwillig besser machen. Solche sind zum Beispiel bereit, für Studenten eine pauschale Aufwandsentschädigung von 400 bis 500 Euro zahlen. Diejenigen, die bereits einen BA- Abschluss oder vergleichbares vorweisen können, werden für ihre (hoffentlich) hochwertigere Arbeit mit bis zu 700 Euro entlohnt. Wahnsinnsidee. Ein spontanes "HALLELUJA"! Mehr habe ich doch nie gewollt liebe Frau Nahles!

Wie viel sinnvoller und flexibler wäre hier doch eine allgemeine Verpflichtung der Unternehmen zu einer pauschalen Mindest- Aufwandsentschädigung (z.B. um die 350 Euro), die unabhängig von jeder Ausnahmeregelung eine Grundvergütung auf niedrigem Niveau sicherstellt. Wenn dann noch der Grad der Qualifikation Berücksichtigung finden würde, zum Beispiel in Form einer um 150 Euro höheren Pauschale für solche mit einem ersten höheren Abschluss, wäre das nicht ein Traum? Vielleicht erlebe ich es ja noch. Vielleicht sogar, bevor die Hölle irgendwann zufriert.

Zusätzlich wäre als Alternative auch noch die Einführung eines Stipendiensystems oder nicht zuletzt eine Reform des Bafög- Systems denkbar, was den schwarzen Peter allerdings mal wieder dem Staat zuschieben würde. Und nicht etwa denen, die durch die Arbeit der Legionen von Praktikanten in der Bundesrepublik profitieren: den Unternehmen.  
 
Natürlich gibt es auch zahlreiche Arbeitgeber die anständig entlohnen, trotzdem fehlt die Verbindlichkeit für alle. Die vorgestellten Instrumente würden es besonders auch finanziell weniger privilegierten Studenten ermöglichen, gering bezahlten Praktika außerhalb ihres Wohnortes annehmen zu können. Somit wäre ein weiterer kleiner Schritt zu einer faireren Gesellschaft gemacht. Finde ich zumindest.

Alles in allem sehen wir wieder, wie der an sich wünschenwerte Mindestlohn im Bereich Praktika durch unausgegorene Ausgestaltung und mangelnde Sachkenntnis der Verantwortlichen mal wieder geschmeidig nach hinten losgehen könnte. 
Aktueller Stand, 28.04.2014, ist: Der Gesetzesentwurf ist wie von mir beschrieben eingereicht, der Bundestag wird über die finale Fassung noch beraten. Die Regelung soll 2015 in Kraft treten, Änderungen sind noch möglich. Vielleicht schreibe ich ja mal an die zuständigen Stellen, mal sehen was da zurück kommt!

So long,
Chris
 
 
 

 WICHTIG:

Quelle:http://memegenerator.net/instance/49108253

Welche Regelung haltet ihr für am sinnvollsten? 

  • Tor 1: Die von mir vorgeschlagenen Instrumente wie eine Mindest - Aufwandsentschädigung?
  • Tor 2: Doch lieber die vorgeschlagene Nahles - Version?
  • Oooooder Tor 3: Wir lassen einfach alles wie es ist, klappt schon ganz gut so?
  • Oder doch der Umschlag: Ein ganz andere abgefahrene Idee, die alle Probleme wegfegt?

(Für die jüngeren unter Euch: es handelt sich hier um eine Anspielung auf eine der besten Spielshows ever, nämlich "Geh aufs Ganze!" )


Ein kurzer Comment tut nicht weh und erfreut mich ungemein, vielleicht habe ich ja was ganz Elementares übersehen und niemand sagt es mir! Die Schüchternen unter Euch können auch gerne anonym ihre Meinung hinterlassen! Ran an den Speck!


Quellen und Diskussionsanregungen:
  1. "Der Mindestlohn ist Studentenfeindlich" - N - TV 
  2.  "Mindestlohn MUSS für Praktikanten gelten" - Zeit Online
  3. "Mindestlohn bedroht Betriebspraktika" - Spiegel Online
  4. "Das Ende der Generation Praktikum" - RP Online
  5. "Unbezahlbar VS Unbezahlt" Pro und Contra - TAZ

 

Kommentare

  1. Das bringst schon gut auf den Punkt. Da muss man halt einfach hoffen an einen fairen Arbeitgeber zu gelange, welcher deine Arbeit auch wertzuschätzen weiß.

    Abgesehen davon find ich das neue Design deutlich besser und vor allem lesefreundlicher. Es gedeiht hier alles so langsam, sehr gut ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke Basti, korrekt von Dir!
      Anscheinend bleibt einem leider nicht viel anderes übrig als die Hoffnung, jedenfalls nicht solange man nicht einfach mal eine vernünftige, verbindliche Regelung bekommt. Aber ich will ja auch nicht nur schwarz malen, es gibt ja auch sehr viele Arbeitgeber die anständig entlohnen. Mein jugendlicher Idealismus treibt mich aber bisher dazu unzufrieden zu sein!

      Das Design entwickelt sich so im Rahmen meiner bescheidenen technischen Kenntnisse, mal sehen ob ich da mit der Zeit noch mehr rausholen kann^^

      Löschen
  2. Ich hab sehr viel Erfahrung mit modernen Webtechnologien in meiner Freizeit und im Studium gesammelt und wurde deshalb vor einigen Jahren von einem gefragt, ob ich in seinem Unternehmen anfangen wolle — als Praktikant. Es war mein erster richtiger Job und ich hatte noch keinen Schimmer, wie viel ich verdienen könnte und sollte, und habe zugesagt. Ich habe dort angefangen und habe ein Projekt zugewiesen bekommen, das ich allein bearbeitet habe.
    Aufgrund meines technischen Know-Hows konnte ich es bearbeiten und u.a. sogar anderen bei Fragen weiterhelfen. Ich war dort nicht, um zu lernen. Ich habe genauso gearbeitet wie alle anderen. Den Job als „Praktikum“ zu bezeichnen, war nur ein Mittel, um mir beliebig wenig zu zahlen.
    Ein Freund von mir hat letztens ein halbes Jahr in einer großen deutschen Werbeagentur gearbeitet. Die ersten Wochen waren eine Eingewöhnungsphase, doch nach dem ersten Monat hat er genauso gearbeitet wie alle anderen auch — inklusive Überstunden bis mitten in die Nacht und beruflichen Telefonaten am Sonntag, etc. Auch das war ein Praktikum.
    Das sind keine Einzelfälle, sonst gäbe es dafür nicht inzwischen den Begriff „Generation Praktikum“. Das, was früher der Einstiegsjob war, ist heute das Praktikum. Die Arbeit ist dieselbe, aber durch die Kennzeichnung als „Praktikum“ kann das Gehalt beliebig niedrig gehalten werden.
    Ein Praktikum *soll* zwar dazu da sein, etwas zu lernen, und natürlich lernt man immer was, so wie man auch aus jedem Projekt und jedem Vorhaben neue Erfahrungen mitnimmt. Aber wenn ein Unternehmen eine Praktikumsstelle ausschreibt, dann sucht sie einen fähigen Arbeitnehmer. Dem nach einer Eingewöhnungsphase den entsprechenden Mindestlohn zu zahlen, finde ich deswegen angemessen.
    Ich glaube nicht, dass die Angebote an Praktikumsstellen deswegen groß rückläufig sein wird — eben weil Unternehmen sie nicht aus Jux und Tollerei anbieten, sondern weil sie Arbeit haben und jemanden brauchen, der sie erledigt.
    Das Loophole, mehrere Praktika á 6 Wochen anzubieten, wird hoffentlich bis 2015 noch geschlossen! :D

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Moin!
      Erstmal eine sehr große Entschuldigung für die späte Antwort! Passend zum Thema stecke ich im Moment auch in einem Praktikum, was mir etwas die Zeit raubt um mich dem Blog so sehr zu widmen wie ich es gerne hätte!

      Ganz vielen Dank für Deinen ausführlichen Beitrag sowie die Einblicke in die Berufseinsteiger-Realität im Medien- und Webbereich. Ich kann deine Erfahrungen nach meinen Recherchen auf jeden Fall unterstützen, die von Dir angesprochenen Branchen sind für Praktika glaube ich besonders mies!

      Und für selbe Arbeit sollte es eben auch den selben Lohn geben, sofern die Qualität des abgelieferten stimmt! Aber erzähl das mal Jemanden im Jahr 2014, in dem dieses Diktum nicht mal für Frauen und Menschen in Ostdeutschland der Wahrheit entspricht! Deshalb glaube ich ja auch, dass es nur Veränderungen gibt, wenn man lange genug Krawall macht und danach strebt ein Problembewusstsein zu schaffen! Wofür wir hier hoffentlich einen kleinen Beitrag leisten ;)

      Ich hoffe ich konnte Dich als regelmäßigen Leser gewinnen!

      Viele Grüße,
      Chris

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Unsere Unfähigkeit zum Mitgefühl - Von Geflüchteten und Ignoranz

Ein großartiges Lied, oder? So schön melodisch, man beginnt unmittelbar mitzusummen. Doch Moment! Habt ihr es jemals ganz bewusst gehört, 2-3 mal hintereinander? Ich finde die Message dieses Songs aus dem Jahr 2005 ist heute, zehn Jahre später, geradezu peinlich aktuell. Das Video dazu wirkt auf mich wie ein Schlag ins Gesicht, wohl nicht zuletzt, weil man sich unweigerlich selbst wiedererkennt. So wie König Boris in Shorts aus seinem warmen Bett steigt, verschlafen die Zeitung holt und am reich gedeckten Frühstückstisch ohne mit der Wimper zu zucken über die Übel dieser Welt liest. Unangenehme Randerscheinungen wie der vorbeifahrende Panzer (in der aktuellen Lage sinnbildlich für die geflüchteten und angefeindeten Menschen in den Auffanglagern der Nachbarschaft) werden durch schließen des Fensters einfach ausgesperrt. Wie lange kann das gut gehen?

Bafög Reform - Yeah, Bildungsaufsteiger - und das trotz Bafög!

Chancengleichheit hier, Bildungsgerechtigkeit da. Wie gerne würde ich mich auch mit anderen Themen befassen die mir unter den Nägeln brennen. Nur ist es so, dass mich das Thema persönlich beständig piesackt, und zwar auf eine "meine-Haut-färbt-sich-grün-und-ich-schlag'-alles-kurz-und-klein"-Weise. Die Marvelfans unter euch wissen sicher wovon ich rede.
Deshalb kann ich nur hoffen, dass ihr nach dem letzten Eintrag nicht der Illusion aufgesessen seid, ungleiche Bildungschancen seien ein exklusives Problem von zugewanderten Menschen. 
Tröstend ist oftmals leider nur zu sehen, wie gleichsam zynisch die meisten anderen Studenten sind mit denen ich über das heutige Thema spreche. Tröstend also zu hören, wie auch angehende Juristen und Maschinenbauer sich ebenso den Kopf über ihre berufliche Perspektive zerbrechen. Traurig genug. 

Von schreienden Nachbarn und der Mär der Chancengleichheit

Multikulturelle Blüten Ich mag meine Nachbarn. Doch wirklich, das tue ich. Vor allem die thailändische Familie, die unter mir wohnt. Diese Menschen sind so höflich, sie lassen jeden guterzogenen Kanadier wie den besoffene Prolet aus der Eckkneipe dastehen. Einzig ihre wöchentliche Karaoke- Session morgens um acht ist ihnen vielleicht vorzuwerfen. So klischeehaft wie das klingen mag, so wahr ist es auch.