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Wohnungsnot, Getrifizierung und der gute alte soziale Wohnungsbau



Im Osten geht die Sonne auf – Dresden, eine Perle.

 

Foto: Sniderman, „Dresden bei Nacht“, CC-Lizenz (BY 2.0) http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de
Alle Bilder stammen aus der kostenlosen Bilddatenbank www.piqs.de

Leute, aufgrund von diesem malerischen Eindruck habe ich mich leider mit meinem neuesten Eintrag hier um eine Woche verspätet. Ihr bestaunt das Panorama Dresdens, häufig auch – mit Recht- als Elbflorenz bezeichnet. In dieser wunderschönen 530.000- Einwohner Stadt habe ich mit meiner Freundin ein verlängertes Wochenende verbracht, und ich muss sagen: Ich bin ein wenig verschossen. Nicht wenige unwissende Wessis, zumeist Angehörige der älteren Generationen (Hallo Mum und Dad!) haben ja die ausgefallensten Vorurteile über die wunderschöne östliche Weite unseres Landes auf Lager: 
  •     Dunkeldeutschland, ein Ort der Tristesse voller Industrieruinen
  •   Die „Zone“, inzwischen eine einzige riesige Geisterstadt.
  •   „Drüben“ sind se‘ alle faul und arbeitslos.
  •  … und unseren Soli verprassen se‘ auch noch!

Japp. Und alle Bayern tragen den lieben langen Tag beim Bretzelgenuss Lederhose; Norddeutsche naschen sich in Gummistiefeln ausschließlich Fisch rein und der olle Ostwestfale ist geizig und verschlossen.
Prost Stammtisch,


Ürrrggg. Sorry, mir ist kurz der Kaffee wieder hochgekommen.
Aber mal im Ernst Kinders, der Osten scheint mir in weiten Teilen der Bevölkerung mindestens geanuso unterschätzt wie my true love: Bielefeld, lebenswerteste Stadt ever!

Da sollte also ein gewisser Helmut K. doch noch Recht behalten, als er uns vor über 20 Jahren blühende Landschaften versprach. Hat halt nur ein bisschen gedauert. Besonders Dresden scheint mir ein sehr gelungenes Beispiel, weil hier in äußerst stimmiger Weise klassische Barock - Architektur und Moderne aufeinandertreffen. Und dass die Menschen viel freundlicher zu sein scheinen merkt man spätestens dann, wenn man abends um viertel vor 10 im Supermarkt immernoch mit einem "Ganz vielen Dank für Ihren Einkauf und einen schönen Abend!" und einem ernstgemeinsten Lächeln verabschiedet wird. Liegt sicher nicht zuletzt daran, dass man in einem Biergarten direkt an der Elbe für den halben Liter frisch gezapftes Pils gerade mal 3 Euro bezahlt. Für die wahren Virtuosen am Getränk unter uns ein echtes Umzugsargument.

Am ungewöhlichsten war aber das augenscheinlich sehr gemischte Innenstadtbild. Auf der einen Seite hat man da eine ultra- sanierte, moderne Fußgängerzone mit allen kapitalistischen Konsumbequemlichkeiten. Auf der anderen Seite aber hat man keine 200 Meter Luftlinie direkt die sozialistisch- zweckmäßigen Plattenbauten, in denen sich scheinbar tatsächlich noch alle Bevölkerungsschichten Wohnraum direkt in der Stadt leisten können. Jedenfalls den Oma- Gardinen nach zu urteilen. 


Erlebnisorientiertes Wohnen voll im Trend

Sowas wäre in den meisten westdeutschen Städten inzwischen undenkbar. Zwar ist in Dresden den Stadtmagazinen nach auch nicht alles in Butter, da es aufgrund von massiven Zuzug auch dort langsam zu steigenden Mieten kommt. Omis und Studenten in den Innenstädten der vermeintlich hippen Städte wie Berlin, Hamburg, München scheinen im Gegensatz dazu aber unvorstellbar.

Jeder von uns kann sich ja noch über die berechtigte Debatte über bezahlbaren Wohnraum in der Republik erinnern: die Menschen strömen in die Ballungsgebiete, insbesondere in Form der Flutwelle neu eingeschriebenen Stundenten, finden Wohnungen mit Mietpreise vor für die man in der Peripherie ganze Häuser mieten kann und landen dann im Endeffekt mit Glück irgendwo im Stadtrands- Nirvana oder mit weniger Glück in Notunterkünften, wahlweise in den Ausführungen:
  •  "Fitness-Studio", ausreichend möbliert, Gruppenduschen vorhanden.
  • "Zeltlager", klassische Kochstelle in feinster Lagerfeueroptik, freistehende Zimmer.
  • "Turnhalle", Loft- Stil, Retro- Schulfeeling.

Ein Hoch auf den sozialen Wohnungsbau! Wer hier mal wieder gepennt hat und somit die bis zu vier Millionen (!) fehlenden Sozialwohnungen auf seine Dödel- Kappe nehmen muss? In erster Linie wohl die Länder, die die Millionen an Zuschüssen des Bundes für Wohnungsbau mal eben anderweitig verballert haben. Für was eigentlich? Ach ihr wisst doch wie das geht, Spesen hier und da, dies und das. Aber auch die Städte selbst dürfen ihre Hände keinesfalls in Unschuld waschen, da viele von diesen mal kurz ihre Sozialwohnungen an Investmentfirmen verkauften. Was, so kurzsichtig kann man doch garnicht sein? Ach Quatsch, ihr feigen Spießer! Die allmächtige unsichtbare Hand des Marktes wird das schon gerade rücken.

Also nehmt das, ihr sozial schwachen Parasiten! Geht doch zum Makler wenn ihr ne günstige Bude sucht! Oder besorgt euch doch nen alten Wohnwagen und macht euch ne Siedlung draus, die bringen doch immer korrekte Künstler hervor:




Und jetzt auch noch dieses "Gentrification". Moment, Gentrifi- watt?

Ja. richtig gelesen. Der ganze Schlamassel ist natürlich nicht neu. Die wissenschaftliche Forschung befasst sich schon seit Längerem mit dem Thema unter dem Begriff  "Gentrifizierung", was so viel wie die Verdrängung ärmerer Bevölkerungskreise aus den Cities zu bedeuten hat. Und dazu braucht es nicht mal Gewalt á la wütender Pöbel mit Fackeln und Mistgabeln.

Wahrscheinlich ist es zur Schaffung eines Problembewusstseins am sinnvollsten so einen typischen Gentrifizierungsverlauf mal nachzuzuzeichnen. Zu Anfang haben wir Stadtteile mit angenehm niedrigen Mieten, zumeist demenstprechend ziemlich heruntergekommen. Aufgrund der günstigen Buden zieht eine gewisse Vorhut der Gentrifikation in diese Viertel, bestehend aus Studenten, Künstlern und anderen Taugenichtsen. Sind diese Glücklichen erstmal da werten sie ihr Viertel natürlich auf, sobald sie einen Abschluss haben finden sie Jobs und verdienen schon bald mehr als eben die sozial Schwachen, die sie vorher selbst gewesen sind.

So weit noch alles cool, wir haben ein durchmischtes Wohngebiet, von deren Heterogenität theoretisch alle profitieren könnten, so wie ich es mir schon einmal ausgemalt habe. Hier kommen nun aber die bereits oben angesprochenen Investoren ins Spiel, die sich aufgrund der neuen zahlungskräftigen Klientel Chancen auf Wertsteigerung des Wohnraums ausrechnen. Also werden alte Ruinen aufgekauft und durchsaniert, um höhere Mieten verlangen zu können. Auch Szene- Bars und krampfhaft- lässige Cafés lassen nicht lange auf sich warten, in denen man sich dann Vanille- Karamell- Cappucinos für Preise reinpfeifen kann, für die ich mir ein ganzes Abendessen bestehend aus Döner- Menü mit Pommes und ner Cola kauf'. Das ganze hat dann mit Kaffee noch ungefähr so viel zu tun wie Mümmelmann mit Jägermeister.

Was passiert also? Riiichtig, die Mieten steigen. Und die alteingessenen sozial Schwachen, Einwanderer und Rentner werden an die Stadtränder verdrängt. Auch die nachströmenden Studenten gucken ziemlich dumm aus der Wäsche, weil sie mit 500 Eiern Bafög keine 10-15 Euro pro Quadratmeter blechen können. Andere, sehr Wohlhabende können das aber. Und da diese auch sooo so gerne hip sein wollen gesellen sie sich zu den Neureichen, woraufhin Immobilienunternehmen die Chance nutzen und weitere Häuser luxuriös mit allem Zipp und Zapp sanieren. Von der ursprünglichen Bevölkerungsstruktur bleibt vielleicht noch der Imbiss an der Ecke übrig.



Wir können dieses Problem lösen. Mit Wissenschaft!

Aus diesem Grund also das ganze Getöse über das Einbauverbot von Zweitklos in Berlin und der umstrittenen Mietpreisbremse der Regierungskoalition. Aber taugen diese Maßnahmen wirklich als Wunderkur oder wird mal wieder wie üblich nur versucht, Symptome zu mildern statt das Übel an der Wurzel anzugehen?

Zwar bin ich kein Experte in diesem Feld, aber es scheint sich mal wieder um Letzteres zu handeln. Der Versuch, mittels eines bürokratischen Ungetüms wie einer Mietpreisbremse zu arbeiten scheint wie so häufig mehr Komplexität zu schaffen als es Probleme reduziert. Eine solche soll nur in "nachgewiesenen angespannten Wohnungsmärkten" gelten, aber wer definiert was angespannt bedeutet? Welche Kriterien werden zu Grunde gelegt? Berechnungsgrundlage soll der Mietspiegel sein, der zumindest den Leuten bekannt sein sollte, die wie ich auch in den letzten Monaten mal eine saftige Mieterhöhung aufgedrückt bekommen haben. Jetzt aber wieder der Clou an der Sache: Mietspiegel werden garnicht von allen Städten und Gemeinden erstellt. Und diejenigen, die einen erstellen tun dies nach unterschiedlichen Kriterien. Chaos also mal wieder vorprogrammiert, jedenfalls in der geplanten Form.

Als ich vor einigen Jahren nach Bielefeld zog war noch bei vielen Wohnungsannoncen zu lesen "nur mit Wohnberechtigungsschein", den man bekam wenn man nachweisen konnte, dass Ebbe auf dem Konto herrscht. Inzwischen ist aber auch unsere Wohnung in der Hand von einer privaten Vermietungsgesellschaft, und Bumms flatterte letztes Jahr eine Mieterhöhung von 20 Prozent ins Haus. Und hier gibt es nun wirklich keinen Marmor im Treppenhaus...

Der Weg des Verbots von Mieterhöhung und Sanierung von Eigentum scheint meiner Meinung nach an dem eigentlich Problem vorbeizugehen: dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum in den Großstädten für den kleinen Mann, da eben alles in der Hand von Miethaien ist. Und die kennen nur eines: Aufkaufen, Mieten rauspressen, nichts investieren. Verdammte Geier.

Zum Schluss dazu ein Zitat eines Wissenschaftlers welches für sich spricht und alle weiteren Ausführungen erübrigt. In diesem Fall des Stadtsoziologen Andrej Holm, also jemanden der wirklich was von dem Elend versteht: "Wir haben in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 4,3 Millionen Sozialwohnungen gebaut, die hatten Belegungsbindung. Heute sind davon gerade noch 1,4 Millionen übrig."


Quelle: http://i2.kym-cdn.com/entries/icons/original/000/013/034/yeahsciencebitch.PNG


Obwohl... Wissenschaft?

Eigentlich brauch ich kein Wissenschaftler zu sein, um daraus meine Schlüsse zu ziehen.









 

Kommentare

  1. Ich gebe dir völlig Recht. Ob nun die Banlieus in Paris oder die Projects in den USA: Weltweit gilt in Metropolen das Prinzip Haifischbecken und wo sich die Massen tummeln, ist auch das obere Ende der Nahrungskette stärker vertreten. Klar, dass in diesem Fall das Feld vom niederen Leckvolk geräumt werden muss. Doch oft sind Sozialwohnungen nur der Eintritt in die Abwärtsspirale, denn hier werden die Lethargie zum Aufstieg und also die ewigen Brennpunkte geboren.

    Zu Problemen in Banlieus: www.bpb.de/internationales/europa/frankreich/152511/problemgebiet-banlieue

    Zur schwierigen Lage in den Projects:
    newsone.com/1555245/most-infamous-public-housing-projects/

    Aber wie in jeder Lebenslage lohnt es sich auch bezüglich des Lebensraums, die Lage konstruktiv zu beleuchten und sich von kreativen Lösungsansätzen inspirieren zu lassen. Es gibt sie überall, wenn man die Augen aufhält: Menschen, die für die gute Seite der Macht kämpfen. Dabei entstehen z.B. Projekte wie: www.wohnenfuerhilfe.info oder www.ledo-wohnen.de/was.html Hier profitiert nicht nur der Wohnungssucher sondern auch sein Herz: Denn das Schöne an diesen Projekten ist sicherlich auch der Rückbezug auf das hilfreiche Miteinander, dass oft in unserer hedonistisch-egozentrischen Generation auf dem Weg zur Selbsterfüllung ein Stück weit in den Hintergrund rückt.

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    1. Moin Moin!
      Danke für Deinen ausführlichen Kommentar!

      Die Banlieus sind ja sicher fast Jedem ein Begriff, spätestens seit den gewalttätigen Aufständen dort vor einigen Jahren! Dazu fällt mir direkt der Film "La Haine" ein, der die Zustände dort wunderbar bedrückend zeigt.

      Um aber zum sozialen Wohnungsbau zu kommen. Natürlich kommt es dabei darauf an, dass man die Armut nicht am Stadtrand konzentriert und durch so eine Form der Ghettoisierung die abgehängten der Gesellschaft noch mehr ausschließt und sich selbst überlässt!

      Es kommt wahrscheinlich auf das Kunststück an, Stadtplanung sinnvoll mit der sozialen Komponente zusammenzubringen. Das muss meiner Meinung nach zumindest der Anspruch sein, denn wie deine Beispiele ja zeigen kommt es auf eine gesunde Mischung aus sozial Schwächeren, Alteingesessenen und aufstrebenden Bevölkerungsschichten an.

      In neuen Vierteln kommt dann den Wohnberechtigungsscheinen und deren Verteilung eine zentrale Rolle zu. Die Behörden müssten dann halt irgendwie zusehen, dass gezielt nicht nur Migranten dort angesiedelt werden, sondern eben auch Studenten, die hoffentlich willig sind etwas positiven Einfluss zu üben und Vorbildfunktionen einzunehmen.

      Die staatliche Ebene ist zu solchen Entscheidungen theoretisch in der Lage, hier muss stark aufgetreten werden, um einen Gegenpol zu den rein profitorientierten internationalen Investorengruppen zu bilden.

      Oder meint ihr, dass die Städte und Kommunen so etwas nicht leisten können?

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