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Lebensmittelverschwendung und Agrarindustrie - Friss oder stirb!

"Okay, beim ersten Teller noch nicht so zuschlagen. Sonst ist man viel zu schnell satt. Man kann ja mehrmals gehen. Dann kann ich von jedem etwas probieren. Ab geht’s. Ahhh, dieser Duft, zehn Sorten Fleisch in verschiedenen Variationen. Nehm ich die Soße? Oder lieber die! 
Am besten beide, nur um sicherzugehen dass ich nicht die schlechtere nehme. Fuck, doch wieder so überladen. Egal, zurück zum Tisch. Mahlende Kiefer. Schlingende Münder. Satt?
Ja, jetzt schon irgendwie. Aber ich bekomm' noch was rein, ich muss ja meine 6,90 Euro voll ausschöpfen. Also nochmal, jetzt nehme ich aber wirklich nur das, was mir am besten schmeckt. Und vielleicht noch etwas Suppe… Ein Eis geht immer noch rein. Und vielleicht noch eine von diesen gebackenen Bananen...
Der Wahn ist vorbei, das Bewusstsein kommt zurück. Ich fühle mich elend, so voll. So viel frittiertes Fleisch. So viel Fett.
Ich schleppe mich raus, meine Körpermitte fleht darum, mich endlich hinzulegen und dem Verdauungskoma hinzugeben. Gehe zur U-Bahn. Fange an zu hinterfragen."

Na, ertappt?

Ein Gefühl: Ekel. Vor einem selbst. Vor der eigenen Völlerei und Maßlosigkeit. Wo sind die Relationen geblieben, in einer Gesellschaft, in der man sich für ein paar Euro fast bis zur Bewusstlosigkeit frisst? Nur um sich dann über die nahezu monatlich wiederkehrenden Lebensmittelskandalen verwundert und voller Abscheu die Augen zu reiben?
Es ist wohl davon auszugehen, dass sich nahezu jeder in unserer Gesellschaft in meinem Erfahrungsbericht wiederfinden kann. Aber muss das so sein?
Unser Verhältnis zum Essen ist von Entfremdung und - insbesondere in Deutschland - von Geiz geprägt, welches in Preisdiktatur gegenüber Erzeugern und den Tierfabriken der Agrarindustrie mündet. Willkommen in den modernen Zeiten.
Aber keine Angst, ich habe keinesfalls vor, in den Kanon der Ökodiktatoren einstimmen, die mit erhobenem Zeigefinger die Moralkeule schwingen und sich als höchste Instanz von Ethik verstehen. Meine Frage ist vielmehr: Warum sind wir in unserer Beziehung zu Lebensmitteln so verkorkst?


Was ist denn eigentlich unser Problem?



"Wir haben noch nie so gut gelebt, wir hatten noch nie so viel Geld, wir waren noch nie so gesund, wir haben noch nie so lange gelebt wie heute. Wir haben alles, was wir wollen." Peter Brabeck, Präsident der Nestlé AG - aus der Doku "We feed the world"



Das Problem ist nur: Dieses „wir" meint lediglich diejenigen 20 Prozent der Menschheit, die über 80 Prozent der weltweit erzeugten Wirtschaftsleistung verfügen und die entsprechenden Ressourcen verbrauchen.

Ich sehe die Antwort auf die Frage nach dem Problem eher in den von Überfluss und Ignoranz geprägten Lebensverhältnissen in der westlichen Welt. Spätrömische Dekadenz ist in diesem Kontext allerdings sicher die falsche Bezeichnung, da wir in Deutschland mit besonderer Vorliebe den günstigsten Abfall in uns hereinschaufeln, um das gesparte Geld dann frohen Mutes für ebenfalls minderwertige Klamotten, Elektronik oder Autos zu verprassen. Der französische Star-Koch Paul Bocuse hat dazu einmal sehr passend bemerkt: "Viele Menschen haben das Essen verlernt. Sie können nur noch schlucken."

Es geht mir hier also nicht so sehr um den zentralen Missstand, dass wir Millionen von Tonnen an Lebensmitteln einfach so, Monat für Monat, in unseren Kühlschränken quer durch die westliche Hemisphäre verfaulen lassen. Das wissen wir, das ist nicht neu und wir sollten uns für dieses Faktum im Angesicht der weltweiten Hungerkatastrophen in Grund und Boden schämen.



Die Frage muss aber auch sein, durch welche Einflüsse wir eine solche Geringschätzung für die Dinge hervorbringen, die unseren Körper möglichst gut am Laufen halten sollen - und welche weitreichenden Folgen unser Verhalten für Menschen hat, die wir nie im Leben zu Gesicht bekommen werden.


Die individuelle Ebene - Die visuelle Lüge der Werbe- und Lebensmittelindustrie

Unser Verhältnis zum Essen ist von der Glitzerwelt der Werbung, heuchlerischen Verpackungen und polierten, mit feel good music beschallten Supermärkten geprägt. Dieses Phänomen ist bei Großstadtkindern noch wesentlich ausgeprägter als bei denen, die wie ich in einem Dörfchen aufgewachsen sind, in die sich nur stündlich mal ein Bus verirrt (anderes an den Wochenenden – da fährt nämlich Garnichts) und man noch weiß wie eine echte Kuh auf einer Weide aussieht.

Gevatter Werbung suggeriert uns eine heile Bauernhofwelt die es – wenn überhaupt – vielleicht vor 50 Jahren mal gegeben hat: Blühende Wiesen, auf denen lachende Tiere weiden und es gar nicht abwarten können, endlich in einem voll automatisierten Schlachthof anonym massakriert zu werden. Wir bekommen das Ergebnis der Maschinerie dann gut portioniert in der hygienisch reinen Plastikverpackung geliefert, um sie dann gedankenlos in unsere Einkaufswagen zu werfen. Wie lächerlich diese Verpackungen sind hat sicher jeder von euch schon mal gesehen, doch hier nochmal eine schöne Zusammenstellung! Dennoch haben diese offensichtlichen Lügen keinen Einfluss auf unser Kaufverhalten.

Die “visuelle Lüge”, die uns zum Kauf verleitet hat, wird offenbar komplett ausgeblendet. Das muss auch so sein, denn sonst würden 99% aller Produkte aufgrund des nicht eingehaltenen Versprechens- denn als solches tritt das Produktfoto auf der Verpackung auf- in der Mülltonne und nicht im Magen landen.

Meine Wenigkeit liebt Fleisch in nahezu allen Variationen, besonders aber alles was mal geflattert hat. Ich möchte nicht darauf verzichten, obgleich mir die Konsequenzen unserer Ernährungsweise mehr als bewusst sind. Der von den Verbrauchern befeuerte Preiskrieg der Supermärkte und Discounter zwingt zu immer neuen, pervertierten Ideen um den Produktionsertrag zu maximieren. Verdunkelte Ställe, Wachstumshormone und flächendeckender Einsatz von Antibiotika - bin ich der einzige der da an die Bio - Batterien aus Matrix denken muss?

Wenn man es wie ich als ein charakter- und finanzschwacher Mensch also aus seiner eigenen moralischen Inkonsequenz heraus nicht fertig bringt, seinen eigenen Genuss zumindest einzuschränken, so ist es doch wenigstens unsere Pflicht, sich diese Bilder beim Konsum zu vergegenwärtigen:


We feed he World – Unbedingt ansehen, sofern ihr euch traut… Die vollständige Doku ist auf Youtube zu finden.
Es ist natürlich immer leicht, die Missstände anzuprangern. Auch ist es wohl etwas viel verlangt, das gesamte Ernährungsverhalten von heute auf morgen zu ändern. Dennoch halte ich es für einen gangbaren Weg, die Verhältnisse im globalen Norden einmal grundsätzlich infrage zu stellen und zumindest graduelle Veränderungen im individuellen Verhalten der Menschen anzustreben. Denn es hört nicht mit den Folgen für die industriell "hergestellten"(ich wähle dieses Wort ganz bewusst) Nutztiere auf, auch die Folgen unseres Verhaltens für unsere Mitmenschen im globalen Süden sind auf erschütternde Art und Weise real.


Die politische Ebene - Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

"Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat errechnet, dass die Weltlandwirtschaft derzeit ohne Probleme zwölf Milliarden Menschen mit Grundnahrungsmitten versorgen könnte. Dennoch sind von den weltweit etwa sieben Milliarden Menschen mindestens 925 Millionen permanent schwerst unterernährt - 57.000 Menschen sterben jeden Tag an Hunger. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Hunger ist Mord." - Jean Ziegler

Über die Ebene der individuellen Verbraucher gesellt sich die politische Ebene, die durch die Agrar- und Exportsubventionen der Industriestaaten bestimmt wird. Diese im Detail hier auszubreiten würde Stoff für mehrere Dissertationen bieten, es sei ganz vereinfachend fürs Erste nur so viel festgehalten:

  1. Die Landwirte in der EU und den USA erhalten für den Anbau von Obst und Gemüse durch die Regierungen ausufernde Subventionen, allein im Jahr 2010 wurden durch die Staaten der OECD 349 Milliarden Dollar (!) in die Landwirtschaft gepumpt (Quelle Link s.o.)
  2. Die so produzierten Lebensmittel überschwemmen Afrikas Märkte. Lebensmittel für Afrika? Ist doch toll, sollte man zumindest denken. Aber eben diese Produkte nehmen den lokalen Bauern, die zumeist einen Großteil der Erwerbstätigen dort ausmachen, ihre Existenzgrundlage.
  3. Die EU- Lebensmittel aus Deutschland, Spanien, Griechenland et cetera sind bis zu einem Drittel billiger als die einheimischen.
Menschen, die sich ein gewisses Maß an Ignoranz zu Eigen gemacht haben könnten jetzt dagegenhalten: "Was geht mich das alles an?"

Ganz einfach:
Das Resultat sind verarmte Kleinbauern, die schlicht keine andere Wahl mehr haben, als ihre Heimat zu verlassen und - sollten sie dafür die Kraft haben - die Odyssee Richtung Europa auf sich zu nehmen. Wenn sie es dann lebend über die mörderischen Grenzanlagen von FRONTEX, dem eifrigen Kettenhund der EU, schaffen, haben Sie die großartige Aussicht, sich in menschenunwürdigen Verhältnissen auf unseren Äckern zu verdingen, um das System, was die ganze Misere verursacht hat, mit am Laufen zu halten.

Guten Appetit.

(Die ausführliche Fortsetzung hierzu findet Ihr in meinem nächsten Eintrag.)


Bewussterer Konsum als kleine Rebellion gegen den Teufelskreis

Man kann schon wütend werden auf die Welt, je mehr man sich mit den Strukturen beschäftigt. Das ist auch nicht unbedingt verkehrt, nur möchte ich mit meinen Einträgen hier auch immer kleine Handlungsanregungen finden, mit denen wir unser Verhalten verbessern können. Der erste Schritt dahin wäre, dass wir über unsere Art uns zu ernähren Gedanken machen (was ich nun hoffentlich erreichen konnte).

Der nächste logische Schritt ist es, sich bewusster in den Supermarkt zu begeben und zu fragen, woher dieses Produkt kommt und auf welche Art und Weise es wohl hergestellt wurde. Bedeutet in der Praxis, nicht konsequent die weniger gut geformten Früchte und Gemüse links liegen zu lassen. Geschmacklich ist meist kein Unterschied festzustellen.

Weiterhin - es war auch zuletzt wieder in den Medien - sollte man es mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum vom Lebensmitteln nicht so streng sehen. Wir sind von Natur aus mit Geruchs- und Geschmackssinnen ausgestattet, die uns in der Regel anzeigen, wann etwas wirklich verdorben ist.

Mein nun letzter Punkt ist wie ein Offenbarungseid für mich: es ist bestimmt nicht die schlechteste Investition, qualitativ höherwertige Lebensmittel zu kaufen. Heißt: statt jeden Tag billiges Fleisch vom Discounter in die Pfanne zu hauen einfach mal den ein oder anderen Tag aussetzen, um das gesparte Geld dann für ein gutes Schnitzel vom Fleischer auszugeben. Niemand kann von einem verlangen Vegetarier zu werden (ich spreche aus persönlicher Betroffenheit), aber Klasse statt Masse bedeutet keinesfalls einen Verlust an Lebensqualität, sondern einen Gewinn für Gesundheit, Genuss und Gewissen. Man muss sich nur den Stellenwert ansehen, den gutes Essen in Frankreich oder Italien genießt. Dieser spiegelt sich in dem aufgewandten Haushaltseinkommen für Lebensmittel wieder.

Ich selbst habe mir diese Maxime bisher auch noch viel zu wenig zu eigen gemacht, gelobe aber hiermit offiziell Besserung. Zumindest 2 bis 3 Tage in der Woche werde ich auf Fleisch verzichten, auch wenn das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein mag. Ein Anfang ist es trotzdem.

Denn alles hängt zusammen:
"Je weniger wir hier produzieren, umso weniger Nutztiere müssen wir in Massentierhaltung leiden lassen, umso weniger Futtermittel brauchen wir, umso weniger Gewinn lässt sich mit Futtermitteln machen, umso weniger Konkurrenz haben die einheimischen Produzenten in den südlichen Ländern, und umso weniger schädliche Auswirkungen hat das auf die Biosphäre. Also keine Monokulturen und abgeholzte Regenwälder, um dort Ressourcen für unsere Überproduktion anzubauen." -Dudewebblog

Ich freue mich wie immer über jeden Kommentar und Share!

So long,
Chris

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